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Johann Nepomuk Schelble

Wer? Schelble? Nie gehört!

Zum 175. Todestag des Vaters der Frankfurter Chöre am 6. August 2012


Man ist versucht, seine Vita als Personenrätsel zu stilisieren: Der einzige Sohn unter den 14 Kindern eines „Klavierlemachers“, Fassmalers und „Zuchtmeisters“ – sprich Zuchthausdirektors – aus der Kleinstadt Hüfingen in der Baar war knapp zwei Monate alt, als die Französische Revolution ausbrach. Als Achtzehnjähriger startete er eine Karriere, durch die er in Donaueschingen, Stuttgart, Wien, Pressburg, Prag und Berlin hohes Ansehen erwarb, bevor er sich in Frankfurt am Main niederließ. Als er 1837 mit nur 48 Jahren starb, trauerte man dort feierlich um ihn im Kaiserdom. Noch 30 Jahre später prophezeite ein Zeitgenosse, dass die Erinnerung an seine Verdienste um die Tonkunst seine zahlreichen Büsten überdauern werde.

Das aber war ein Irrtum. Die Büsten zwar sind in der Tat dahin, doch ebenso die Erinnerung an die Verdienste des Dargestellten, sogar die an seinen Namen: „Wer? Johann Nepomuk Schelble? Nie gehört!“ Dennoch kann man Schelble noch heute „hören“.

Der von ihm gegründete Frankfurter Cäcilienchor, eine Bürgerinitiative, hat Kriege, Inflationen und widrigste Zeitläufte überlebt und singt auf sein 200-jähriges Jubiläum im Jahr 2018 zu. In fruchtbarem Wettbewerb mit ihm entfaltete sich wie nach einem Naturgesetz von Anziehung und Abstoßung das facettenreiche Chorleben in der Mainmetropole, von 1852 bis 1944 mit dem Rühl’schen Gesangverein, seit 1922 mit der Frankfurter Singakademie. Auch die Kantorei der Dreikönigskirche, die Keimzelle der heutigen Frankfurter Kantorei, und der Cäcilienchor standen zur Zeit ihrer Personalunion unter Kurt Thomas in gewinnbringendem Austausch untereinander.

Schelble, der „originale musicus“ durchdrang und beseelte eine Partitur, sei es am Klavier, sei es vokal. Doch für das „irrenhäusige Theater“, an dem er zwei Jahre als bewunderter Tenor aufgetreten war, fand er sich nicht geschaffen. Er verwirklichte sich als Pädagoge, der aus einem Kreis von Liebhabern den nach der Berliner Sing-Akademie, seinem Vorbild, zu seiner Zeit besten Chor Deutschlands machte.

Mit Händel, Haydn, Mozart und Cherubini begann er. Die Bach-Renaissance, die von den Wiederaufführungen der vergessenen Matthäus-Passion 1829 in Berlin und Frankfurt ausging, läutete er im Jahr zuvor schon mit Teilen aus der h-moll-Messe ein. In Verehrung für den 20 Jahre Älteren widmete Mendelssohn Schelbles Gründung sein Oratorium „Paulus“. Dank seinem Leiter wurde dieser Chor neben hohen Fürstlichkeiten Europas der einzige bürgerliche Subskribent von Beethovens „Missa solemnis“ – ein musikhistorisches und soziologisches Unikum.

Schließlich erhielt auch der Männergesang, ein in seinen Anfängen hochrangiger Kunstzweig, durch Schelble entscheidende weiter wirkende Impulse. Seine Gehörbildungsmethode, eine geniale Mischung aus strengster Systematik und schöpferischer Phantasie, fand ebenso wie seine Chorgründung selbst viele Nachahmer. Im Briefwechsel zwischen Goethe und seiner „Suleika“, Marianne von Willemer, einer begeisterten Cäcilianerin, tauchte sogar der Gedanke an eine Zusammenarbeit zwischen dem Weimarer Geheimrat und dem Frankfurter Chormeister auf mit dem Ziel, „die Music in ihre verlohrenen Rechte wieder einzusetzen.“

So gab Johann Nepomuk Schelble als Initiator und bewegende Kraft einen Takt vor, der Frankfurts Chöre noch 175 Jahre nach seinem Tod durchpulst. Solange sie singen, kann man ihn, mag auch das Bild seiner Persönlichkeit verblasst, sein Name vergessen sein, noch heute „hören“.

Eva Zander